bookmark_borderNewsletter-Input Januar: Was bedeutet eigentlich „Männlichkeit“?

Dieser Text ist als Theorie-Input in unserem Januar-Newsletter erschienen. Alle vergangenen Inputs sind hier zu lesen.

Was bedeutet eigentlich „Männlichkeit“?

Dass Gender bzw. Geschlecht nicht angeboren und von der Natur gegeben ist, ist in der Geschlechterforschung einstimmig akzeptierte Tatsache. Simone de Beauvoir hat bereits 1949 in „Das andere Geschlecht“ aufgezeigt, wie Geschlecht durch Kultur und Gesellschaft gemacht wird. Sie beschäftigte sich jedoch vorrangig mit Weiblichkeit.

Gerade bei Männlichkeit lässt sich sehr schnell erkennen, wie „gemacht“ sie ist.

Hier kommt Raewyn Connell ins Spiel.

Wer ist Raewyn Connell?

Raewyn Connell ist eine australische Soziologin und hat eine der einflussreichsten Theorien in der Männerforschung geliefert: 

das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“. 

Mit ihrem Artikel Towards a New Sociology of Masculinity (zu Deutsch: Hin zu einer neuen Soziologie von Männlichkeit) von 1985, den sie mit Tim Carrigan und John Lee verfasste, hat sie den Grundbaustein für dieses Konzept gelegt. Zehn Jahre später in 1995 veröffentlichte sie ihr alleiniges Werk Masculinities (zu Deutsch: Der gemachte Mann), in dem sie die Theorie weiterentwickelte. 

Da Connell trans ist, lassen sich ihre älteren Publikationen noch unter dem Namen Rob(ert) William Connell finden, bzw. unter den genderneutralen Initialen R.W. Connell.

Konstruktion der Geschlechter:

Erklärt und gerechtfertigt wird die männliche Dominanz in der Gesellschaft durch biologische Unterschiede und die vermeintlich „natürliche Ordnung“, das heißt durch die Natur. Es sind Modelle entstanden, die den Geschlechtern bestimmte Eigenschaften zuordnen. Frauen gelten von Natur aus als liebevoll, „mütterlich“, emotional erreichbar, weshalb sie „wie gemacht“ für reproduktive Arbeiten sind. Während Männern Durchsetzungsfähigkeit, Unbeständigkeit und Aktionismus zugeschrieben wird, was vermeintlich rechtfertigt, dass Männer die soziale und kulturelle Kontrolle innehaben. Sie machten sehr lange auch allein die Wissenschaften, die uns erklärten, was Natur und was Kultur sei.

Indem die Menschen glauben, dass diese Geschlechterunterschiede von Natur aus gegeben sind, werden sie nicht hinterfragt. 

Alles „Unnatürliche“ wird als Eingriff betrachtet und eventuell bestraft und korrigiert, nicht zuletzt um diese zerbrechliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Da diese Ordnung so fragil ist, muss sie jederzeit gefestigt werden. Im Optimalfall werden immer und überall die Geschlechterkonstrukte und -differenzen aufgezeigt und vertieft, sodass kein Zweifel an der Natürlichkeit der Dinge entstehen kann. Das geht dann von „Frauen sind halt emotionaler“ zu gegenderten Shampoos – für Frauen eine pastelrosa Flasche mit Blumengeruch und für Männer eine schwarze Flasche mit Motoröl- und Tannengeruch. 

Aber genau durch dieses ständige Bemühen wird die Künstlichkeit der Geschlechterunterschiede erst recht deutlich.

Männlichkeit und Weiblichkeit sind Konzepte, die sich aufeinander beziehen. Erst im Verhältnis zueinander erhalten sie eine Bedeutung. Denn ohne Weiblichkeit als „Gegensatz“ gibt es auch keine Männlichkeit. 

Connells Theorie:

Connell bezieht in ihre Theorie die Machtverhältnisse ein, die Männer in der Gesellschaft über andere Geschlechter haben. Sie kritisiert das Modell der Geschlechterrollen, denn dieses beschreibt zwar Erwartungen an die Geschlechter, ignoriert aber eben die Machtverhältnisse. 

Überspitzt kommentiert Connell, dass wir ja auch nicht von „Klassenrollen“ oder „Rassenrollen“ reden, weil hier die Machtverhältnisse sichtbarer sind.

Um Männlichkeit zu verstehen, müssen also nicht nur Arbeitsteilung, also Rollen betrachtet werden, sondern auch Machtverhältnisse und Sexualität. In dem Kontext verstehen wir Hegemonie als Vorherrschaft.

Was ist Männlichkeit? 

Connell versucht Männlichkeit zu definieren. Sie sagt, dass wir die Aufmerksamkeit auf Prozesse und Beziehungen richten müssen, die Menschen ein vergeschlechtliches Leben führen lassen. Also die Frage danach, wie welche Verhaltensweisen und zwischenmenschlichen Beziehungen Menschen ihr Geschlecht „geben“.

Es geht neben der Macht über Frauen und andere Geschlechter auch darum, wie Männer Macht über andere Männer haben.

Connell unterscheidet vier Formen von Männlichkeit: die hegemoniale, komplizenhafte, untergeordnete und die marginalisierte Männlichkeit. Diese Formen bezeichnen Handlungsmuster, keine Charakterypen. Sie sind also veränderlich je nach Situation und Beziehungsgefüge.

Hegemoniale Männlichkeit bezeichnet die vorherrschende Art von Männlichkeit. Es ist also eine Art von Männlichkeit, die auf Dominanz und Hierarchie basiert, denn ihr sind andere Formen von Männlichkeit sowie Weiblichkeit untergeordnet. 

Hegemoniale Männlichkeit ist kein starrer, über Zeit und Raum unveränderlicher Charakter. Es ist vielmehr jene Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur der Geschlechterverhältnisse die herrschende Position einnimmt. Das heißt aber auch, dass es eine Position ist, die jederzeit in Frage gestellt werden kann, z.B. von Feminist:innen, anderen Geschlechtern oder anderen, untergeordneten Männern. Hegemoniale Männlichkeit ist also eine derzeitig akzeptierte Strategie zur Verteidigung des Patriarchats.

Aber was bedeutet das jetzt konkret? Im europäischen Raum definiert sich hegemoniale Männlichkeit stark über den vermeintlich männlichen Körper. Verhaltensweisen wie Aggressivität oder Rationalität werden mit Testosteron oder der rechten Gehirnhälfte erklärt. 

Starkes Konkurrenzdenken verlangt körperliche und mentale Stärke, Zurückhalten von Emotionen (außer Wut), und vor allem Potenz und Heterosexualität, und schafft so das „Muss“ einer Unterordnung der „Anderen“ und hält diese Hierarchie dann notfalls mit Gewalt aufrecht, körperlicher, psychischer oder anderen Formen.

Es sind also weniger Rollen wie „Karrieremann“ oder „guter Vater“, oder gar ein angeborener Charakter, als eben Verhaltensweisen, die in eine Hierarchie einordnen, die die „vorherrschende Männlichkeit“ bestimmen.

Die hegemoniale Männlichkeit hat auch die Fähigkeit, nicht-hegemonialen Männlichkeiten zu definieren. Sie selbst ist selbstverständlich, die untergeordneten sind „anders“. Im Fall von homosexueller Männlichkeit hatten heterosexuelle Männer Ende des 19. Jahrhunderts diese Abweichung mithilfe der Autorität von Wissenschaften wie Biologie und Psychologie als „pervers“ oder „krank“ verschrien.

Das stark hierarchische und konkurrenz-orientierte Denken der hegemonialen Männlichkeit ist eng mit dem Kapitalismus verbunden. Connell hat vorgeschlagen, die „transnationale Business-Männlichkeit“ als eine neue Form hegemonialer Männlichkeit zu sehen. Hier ist weniger körperliche Stärke und Aggression wichtig, als eben die mentale Stärke, Kalkül, und sozial aggressives und egozentrisches Verhalten.

Komplizenhafte Männlichkeit steht in enger Verbindung zur hegemonialen Männlichkeit; diese Männer erhalten die „patriarchalen Dividende“, aber setzen sich nicht den Risiken aus. Diese patriarchale Dividende bezeichnet den allgemeinen Vorteil, den Männer aus der Unterdrückung anderer Geschlechter erhalten.

Sie gehen mit Frauen Kompromisse im Alltag ein: Denn sie achten auf ihre Frauen und Mütter, sind nie gewalttätig gegenüber Frauen, übernehmen ihren Anteil an der Hausarbeit und kommen nur allzu leicht zum Schluss, dass Feministinnen BH-verbrennende Extremistinnen sein müssen.

Sie erkennen also oft nicht, wie die Unterordnung von Frauen stattfindet, stellen hegemoniale Männlichkeit nicht in Frage, und genießen Privilegien z.B. auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Care-Arbeit. Sie halten Eigenschaften hegemonialer Männlichkeit für richtig und erstrebenswert, und fühlen, dass ihnen Privilegien selbstverständlich zustehen.

Untergeordnete Männlichkeiten sind die, die von der hegemonialen Männlichkeit abweichen, also z.B. nicht cis-hetero Männer, oder ganz einfach körperlich schwächere, nicht aggressive Männer. Wenn es eine vorherrschende oder dominante Art von Männlichkeit gibt, muss es auch dieser untergeordnete Arten geben.

Als Beispiel: Dominanz heterosexueller und Unterordnung homosexueller Männer. Schwule erfahren politischen und kulturellen Ausschluss, staatliche Gewalt, oder wirtschaftliche Diskriminierung. Alle Abweichungen von der hegemonialen Männlichkeit werden mit Schwul-sein oder mit Weiblichkeit gleichgesetzt.

Marginalisierte Männlichkeit unterscheidet sich von untergeordneter Männlichkeit, denn sie beschreibt nicht wirklich Abweichungen von Verhaltensweisen hegemonialer Männlichkeit, sondern eher die Machtverhältnisse von Männlichkeiten unterschiedlicher Gruppen. Also die Macht, die Männer der weißen Ober- und Mittelschicht über Männer der unteren sozioökonomischen Schichten oder Männer anderer Ethnizitäten haben. 

Hier sind also die Zusammenhänge von Geschlecht mit Klasse oder Ethnizität wichtig.

Schauen wir uns besonders Schwarze Männer an:

Obwohl einzelne Schwarze Männer Ruhm und Macht erreichen können, wirkt sich diese Macht nicht auf die anderen Schwarzen aus und verleiht den Schwarzen Männern im Allgemeinen kein größeres Maß an Autorität. 

Im Gegenteil: Sie können Merkmale hegemonialer Männlichkeit annehmen, wie Aggressivität und körperliche Stärke, und statt ihren Status zu erhöhen, macht es sie zu einer vermeintlichen Gefahr für weiße Menschen und daher Opfer von beispielsweise racial profiling.

Raewyn Connell hat mit ihrem Konzept der hegemonialen Männlichkeit eine einflussreiche Theorie verfasst, doch welche Form diese hegemoniale Männlichkeit annimmt, ist nicht in Stein gemeißelt. Wie wir gesehen haben, ist es schwer Männlichkeit zu definieren. So ist die Vorstellung was Männer nun ausmacht historisch geprägt und  besonders in der heutigen Zeit im Wandel, da Geschlechterverhältnisse in Frage gestellt werden.

Doch sicher ist, dass es notwendig ist, Männlichkeit auch immer auf Macht hin zu betrachten – politische wie auch kulturelle Macht.

Ein Text von Umen und edi.

bookmark_borderBericht von unserem Reflektionstreffen

Letztes Wochenende haben sich die aktiven Mitglieder vom Orga-Plenum der Feministischen Vernetzung zum außerordentlichen Plenum getroffen. Bei Pizza und Gebäck haben wir uns lang und ausgiebig darüber ausgetauscht, wie es uns in der Vernetzung geht, was gut läuft und wo wir Verbesserungsbedarf sehen. Die Ergebnisse dieser Reflektion sind hier zusammengefasst.

Als aktive Mitglieder waren wir nur die vier Menschen, die regelmäßig an den zweiwöchentlichen Orga-Plena teilnehmen und dort auch Aufgaben übernehmen. Was uns eint, ist die Leidenschaft für feministischen Aktivismus. Für uns alle spielt die Feministische Vernetzung eine große Rolle in unseren Leben.

Bei all unseren Gemeinsamkeiten sind wir dennoch sehr unterschiedliche Menschen. Die eine Person findet Emails beantworten total stressig, für die andere ist das easy. Manche sind künstlerisch begabt, andere fühlen sich eher mit Technik wohl. Bei der Aufgabenverteilung haben wir versucht, diese Unterschiede zu berücksichtigen. In Zukunft wollen wir auch das „Rampenlicht“ gleichmäßiger verteilen: zur Zeit ist es noch so, dass oft dasselbe Mitglied die Feministische Vernetzung öffentlich vertreten muss.

Wir sind unterschiedlich gesellschaftlich positioniert: quer durch das FLINTA-Akronym sind viele Identitäten bei uns vertreten (und ein cis Mann ist auch dabei). Wir haben unterschiedliche Klassen- und Bildungshintergründe, sind verschieden able und neurodivers. Diese Diversität der Perspektiven ist ganz eindeutig eine Stärke. Leider gilt sie in einem anderen Bereich nicht: die Feministische Vernetzung ist zur Zeit sehr weiß geprägt. Für uns bedeutet das: wir müssen immer wieder unsere Privilegien und unsere eigenen Rassismen reflektieren, den Austausch mit PoC-Communities pflegen, PoC-Stimmen Reichweite geben, antirassistische Arbeit in den Fokus legen.

Eines steht fest: gemessen daran, wie klein unsere Gruppe ist, machen wir sehr viel – vielleicht zu viel. Oft sind Außenstehende erstaunt zu hören, dass wir im Orga-Plenum nur zu viert sind. Jede:r von uns muss mit den eigenen Kapazitäten haushalten, um sich nicht chronisch zu überarbeiten. Wir wünschen uns sehr, dass mehr Menschen zu uns finden und aktiv werden. Und damit kommen wir schon zum nächsten Punkt:

Wir schaffen es nicht, neue Aktive bei uns einzubinden. Dabei wünschen wir uns doch eine größere Gruppe. Und es gibt immer wieder Interessierte, die sich gerne bei uns einbringen wollen.

Wir haben gemeinsam darüber reflektiert, welche Mechanismen dazu führen, dass der Einstieg in unsere Arbeitsweise neuen Aktivist:innen schwerfällt. Uns sind ein paar Strategien eingefallen, um das in Zukunft besser zu schaffen: die Einbindung neuer Mitglieder an ihren jeweiligen Stärken und Schwächen anpassen. Ihnen niedrigschwellige, aber verbindliche Aufgaben zuteilen und viel Skillsharing betreiben. Offen sein für andere Herangehensweisen.

Am Ende des Treffens sind wir mit gutem Gefühl heimgegangen. Es ist schön, sich für einen solchen Prozess die Zeit zu nehmen. Durch Synergie sind viele neuen Ideen entstanden oder konkretisiert worden. Wir hoffen, dass die Folgen dieser internen Auseinandersetzung auch nach außen spürbar werden. Die Feministische Vernetzung ist viel mehr als die vier Aktiven, die regelmäßig zu den Orga-Plena kommen. Die Vernetzung, das sind auch die ganzen AG-Mitglieder die in „Save the Night“, in der AG „Abtreibung in Trier“, und der AG „Feministischer Austausch“ aktiv sind. Das sind alle Menschen, die mit uns demonstrieren kommen oder unsere Stammtische mitgestalten. Alle Menschen, die die Whatsapp-Gruppe mit Leben füllen oder unsere Posts auf Instagram teilen.

Wir hoffen, gemeinsam mit Euch noch lange an diesem großen und tollen Projekt mitzuwirken.